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Der Geburtstag der Dichterin

Im Januar 2022 wird Annette von Droste-Hülshoffs 225. Geburtstag gefeiert

05.01.2022

Die Bundesregierung gibt eine 20-Euro-Sammlermünze und eine Sonderbriefmarke heraus, die Droste-Gesellschaft lädt zur Matinee, das Theater Münster zu szenischen Lesungen, das Center for Literature ehrt die Autorin. Doch an welchem Tag genau sie im Jahr 1797 geboren wurde, ist bis heute nicht abschließend gesichert. Diskutiert werden der 10., der 12. und der 14. Januar.

Bild oben: © Bildarchiv Foto Marburg, Andreas Lechtape / Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung

Der ‚Schatz‘ aus dem Westfälischen Literaturarchiv, mit dem wir hier unseren neuen Blog eröffnen, ist ein Manuskriptblatt, auf dem Drostes Mutter Therese im Jahr 1804 drei Gedichte ihrer siebenjährigen Tochter notierte. Diese Handschrift ist ein wichtiges Zeugnis für die frühe dichterische Begabung Annette von Droste-Hülshoffs und für die Unterstützung, die sie durch ihre Familie erfahren hat. Sie ist aber auch noch aus einem anderen Grund von Bedeutung für die Forschung. Therese von Droste-Hülshoff überschrieb das Blatt nämlich mit: „Annette geb. den 12 jän. 1797“. Somit scheint der 12. Januar als Tag der Geburt festzustehen. Wer, wenn nicht die eigene Mutter, sollte darüber Klarheit haben?

Bild oben: Therese von Droste-Hülshoff: Handschrift. Westfälisches Literaturarchiv im LWL-Archivamt (Depositum), Meersburger Nachlass, Bestand 1064/MA X 12, 1.

Doch Anfang 2014 findet Jochen Grywatsch, der damalige Leiter der Droste-Forschungsstelle, im Archiv von Burg Hülshoff ein Familienstammbuch mit einem Eintrag von Drostes Vater : „1797 den 10en januar ist gebohren ANNA ELISABETH FRANZISKA ADOLPHINA WILHELMINA LOUISE MARIA, nachmittags 3 uhr Zu Hülshof.“ Weitere Recherchen fördern einen Tagebucheintrag von Drostes Schwester Jenny am 12. Januar 1806 zutage: „Heute ist Nette ihr Geburtstag gefeiert, obschon derselbe schon am 10. d. gewesen war“. Auf Drostes Grabstein ließ Jenny den 12. Januar als Geburtstag eintragen, auch Drostes Vertraute und Biographin Elise Rüdiger gab ausnahmslos den 12. Januar als Geburtstag der Dichterin an. Ein Roxeler Kirchenbuch weist dagegen auf den 14. Januar als Tag der Geburt hin.

Was für eine verworrene Situation! Wie ist sie zu erklären? Jochen Grywatsch weist den 14. Januar als Tag der Taufe nach und begründet die Abweichung zwischen dem 10. und 12. Januar damit, dass der Geburtstag Annette von Droste-Hülshoffs in ihrer Familie wohl trotz besseren Wissens und aus bisher unbekannten Gründen am 12. Januar gefeiert wurde.

Annette von Droste-Hülshoff wurde also, davon ist mit großer Wahrscheinlichkeit auszugehen, am 10. Januar 1797 geboren. Doch ein Rest an Ungewissheit bleibt. Dies erscheint bei einer Autorin, die in ihren Texten programmatisch widersprüchliche Positionen und Lesarten gegeneinanderstellt und der Suche nach Eindeutigkeit und Gewissheit immer wieder eine Absage erteilt, allerdings passend.

(Alexandra Schwind)

Literatur

Jochen Grywatsch: „Zum Geburtstag der Annette von Droste-Hülshoff. Aus Anlass einer wiederentdeckten Quelle und eines digitalen Rezeptionszeugnisses“. In: Droste-Jahrbuch 10, 2013/2014. Hannover: Wehrhahn 2015, S. 299–307.

August Schröder: "Der Geburtstag der Dichterin Annette Droste zu Hülshoff Bisherige Ermittlungen- Neue Schriftquellen zur Datierung". In: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 33-35. 1975-1977, S. 4–14.

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